Der einfachste Trick im Umgang mit KI-Vorhersagen: das Datum mitschreiben. Erstaunlich, wie selten das jemand tut.
Am 10. März 2025 sagte Anthropic-Chef Dario Amodei bei einer Veranstaltung des Council on Foreign Relations:
„I think we will be there in three to six months, where AI is writing 90% of the code. And then, in 12 months, we may be in a world where AI is writing essentially all of the code."[1]
Zwei Fristen, beide präzise. Die erste lief im September 2025 ab. Die zweite im März 2026.
Heute ist September 2026. Beide sind Geschichte.
Amodei lag nicht komplett daneben. Bei Anthropic selbst entsteht ein Großteil des Codes KI-gestützt, und die Richtung stimmt unübersehbar. Was nicht eintrat, ist die Frist — und der Sprung von „bei uns" auf „überall".
Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Menschen, die tief in einer Technologie stecken, sehen deren Endzustand oft erstaunlich klar und ihren Zeitpunkt erstaunlich falsch. Sie extrapolieren aus einer Umgebung, in der alles schon funktioniert, auf eine Welt, in der noch Verträge, Schulungen, Betriebsräte und Altsysteme im Weg stehen.
Das zweite Lehrstück steht bei Tesla. Im Januar 2026 räumte Elon Musk ein, dass kein einziger Optimus-Roboter nützliche Arbeit verrichtet — gegenüber der Ankündigung aus Januar 2025, 10.000 Einheiten zu bauen.
Der Produktionsstart in Fremont wurde auf Ende Juli oder August 2026 terminiert, bei zunächst, Zitat, „quite slow" laufender Fertigung. Die zweite Fabrik in Giga Texas ist für etwa Sommer 2027 angesetzt.[2]
Auch hier: Die Roboter kommen vermutlich. Nur eben später, als jede einzelne Ankündigung bisher versprochen hat.
Diese Seite hält es seit dem September-Update so:
Jede Prognose bekommt ein Datum. Nicht „Amodei sagt", sondern „Amodei sagte am 10. März 2025". Ohne Datum ist eine Vorhersage keine überprüfbare Aussage, sondern Stimmung.
Jede Frist wird nachgehalten. Wenn sie abläuft, schauen wir nach und schreiben hin, was daraus wurde — auch dann, wenn die Prognose von uns selbst stammte. Unsere eigene Lawinen-These gehört ausdrücklich dazu.
Wer sich irrt, wird nicht ausgelacht. Wer sich irrt und die Frist stillschweigend neu setzt, schon.
Zur Ehrlichkeit gehört: Diese Seite hatte das Amodei-Zitat selbst zweimal falsch datiert — an einer Stelle auf 2024, an einer anderen auf März 2026. Ein Jahr zu früh und ein Jahr zu spät, auf derselben Website.
Aufgefallen ist das erst, als wir für dieses Update beide Seiten nebeneinandergelegt haben. Zahlen wandern von Seite zu Seite und werden dabei nie wieder nachgeschlagen, weil sie ja schon dastehen. Das ist die häufigste Art, wie Falsches entsteht: nicht durch Erfindung, sondern durch Abschreiben.